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The Batman (US 2022)

Is he the Batman we deserve?

He certainly is the Batman we need.

Reeves The Batman ist ein Film über Zerstörung.

Köpfe werden zerstört, Gotham City wird zerstört, Figuren werden zerstört, Andenken werden zerstört.
Im Grunde zerstört Reeves ein ganzes Franchise mit dazugehörigem Fandom.


In ganz großem Stil betreibt der Regisseur und Drehbuchautor Brandrodung.

Während andere Filmemacher damit beschäftigt sind, den kostümierten Rächer zum Helden aufzubauen, nimmt Reeves ihn Stück für Stück auseinander und macht dabei vor nichts Halt, auch nicht vor dem Publikum, welchem er einen Dunklen Ritter vorsetzt, mit dem niemand gerechnet hat.

Zerbrechlich, fehlerhaft, sinnsuchend.

In den Comics hat die psychische Zerrissenheit Waynes/Batmans seit den 1980er Jahren Bestand. In den Filmen jedoch wurde die Figur vergleichsweise mit Samthandschuhen angefasst. Sicherlich durften bisherige Inkarnationen Momente des Zweifels erleben und entsprechend des Drehbuchs über sich hinauswachsen, um schließlich den Helden zu verkörpern, der in der Lage ist, Superverbrecher zur Strecke zu bringen, doch waren diese Zweifel immer auch ein wenig oberflächlich.
Reeves Wayne/Batman hingegen ist eine schwer gespaltene Figur.

Als Kind die Eltern verloren, aufgewachsen in dem vermeintlichen Wissen, einen Vater gehabt zu haben, der ausschließlich positive Seiten hatte, muss sich Wayne dieses Mal mit den „Sünden des Vaters“ auseinandersetzen und einem Programm der „Erneuerung“, was wir auf Meta-Ebene auch als eine erneuerte Form von Batman lesen können.

Reeves lässt Batman physisch übermenschlich erscheinen. In engen Gängen stehend, können dutzende Salven auf ihn abgefeuert werden, ohne dass der Dunkle Ritter auch nur ansatzweise zuckt. Während eine andere Figur durch eine Explosion beinahe zerrissen wird und im Krankenhaus liegen muss, erleidet Wayne kaum einen Kratzer.

Auf kurze Sicht scheint dies ein Mangel des Films zu sein. Andererseits ist von Anfang an klar, dass Batman in diesem Film nicht sterben wird. Wieso sich also Spitzfindigkeiten hingeben?

Reeves verzichtet bewusst auf die Verletzbarkeit des Körpers und erhält so wesentlich mehr Raum für die Verletzbarkeit der Seele.

„Die Sünden des Vaters“, ein Rätsel, so kurios wie die Figur des Riddlers, einem Bösewicht, der wie kein anderer dafür prädestiniert ist, Schlussfolgerungen zu provozieren und mit Erkenntnissen zu konfrontieren.

Und dann ist da noch diese andere Frage: Darf Batman, der für das Recht kämpft, eine Verbrecherin lieben? Nach einer enttäuschenden Solo-Verfilmung und einer zwar akzeptablen, aber dennoch mangelhaften Verkörperung in The Dark Knight Rises (2012), dürfen wir nun wieder eine Catwoman erleben, die Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen hat und die kraftvoll mit ihren femininen Seiten spielt. Wie auch Paul Dano ist Zoë Kravitz ein unglaublicher Gewinn für den Film.

Reeves The Batman ist geerdet und mit der Erde kommt der Schmutz. Menschen sterben nicht, ihnen werden die Schädel eingeschlagen. Das Make-up kann verwischen, die Maske verrutschen und mit Batman-Gadgets ausgeführte Stunts können misslingen.
Reeves Wayne/Batman ist in vielerlei Hinsicht korrumpiert.

In seinem Zerstörungswahn hat der Regisseur den Helden, der seit 1939 Generationen begeistert, entkernt, grundsaniert und zu einem Antihelden gemacht, der irgendwo zwischen Franz Schubert und Nirvana Wege finden muss, um sowohl die Stadt als auch sich selbst zu retten.

 

Mit 175 Minuten ist The Batman der längste der bisherigen Batman-Filme und keine schlechte Herausforderung, der zwar nicht mit Action geizt, selbige allerdings konzentriert einsetzt und nicht flächendeckend über den Film verteilt.

The Batman wird entsprechend ruhig und intensiv erzählt, erinnert an Heat (1995) und den klassischen Film Noir, nicht inhaltlich, aber in den jeweiligen Ästhetiken.

Bereits bei The Dark Knight (2008) wurden diese Parallelen gezogen, doch ist das Verhältnis in Bezug auf The Batman gespiegelt. Während Nolans Film optisch an „Heat“ erinnert und Noir-Elemente als Unterfütterung nutzt, nähert sich „The Batman“ stark den düsteren Filmen der 1930er und 1940er Jahren an, legt viel Wert auf Schatten, ein ikonisches Voice-Over und Wendungen und konzentriert sich auf die Figuren und das Jetzt der jeweiligen Situationen. Letzteres erinnert an den Film von Michael Mann. Auch dort wurden einzelne Figuren in Ruhe und mit aller nötigen Zeit inszeniert, um ihre Motivationen zu verstehen.

The Batman wird wohl nicht der letzte seiner Art sein. Wohl oder übel wird sich, wenngleich diese noch nicht angekündigt wurde, eine Fortsetzung anschließen. Einerseits freue ich mich darüber, weil ich mehr von dieser Inkarnation sehen möchte. Andererseits befürchte ich die Ausschlachtung der Charaktere zu Gunsten der Befriedigung aller Gemüter und Sensationsgier und damit einhergehend eine Abkehr vom Detektivischen.
Die bereits eingeführten Figuren bergen noch so unglaublich viel Potential, dass wir noch wenigstens einen weiteren Film sehen könnten, ohne die Besetzung zu verändern.

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