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Lightyear (US 2022)

Als Lightyear geschrieben wurde, müssen die Autor*innen einen echt miesen Tag gehabt haben. Die katastrophale Reise, die Buzz durchlebt, die ihn Mal um Mal von seinem Ziel und seinem eigentlichen Leben entfernt und am Schluss in einer zynischen Erkenntnis mündet, ist durchdrungen von nihilistischen Positionen und wird nur notdürftig mit einem eindimensionalen Familien- und Gemeinschaftsbild kaschiert.

Dabei ist der Film auf formaler Ebene ein Leckerbissen. Schon am Anfang zeigen sich die Dynamik und die Liebe zur Kameraarbeit, besticht das hohe Niveau der Animation. Bedenken wir die Toy Story-Filme von einst und vergleichen sie mit „Lightyear“, könnten die Unterschiede nicht größer sein.

Das Tempo der Erzählung und die Inszenierung der Kampfsequenzen sind großes Kino und es macht von Beginn an Laune, den Film zu schauen.

Wie immer an dieser Stelle sind natürlich auch die schrulligen Nebenfiguren liebenswert und eine gewisse Tragik darf auch nicht fehlen.

Allerdings kommt der Film abseits der klassischen Disney-Attribute widersprüchlich daher.

In Lightyear werden parallel zu einander zwei Geschichten erzählt.

Einerseits verfolgen wir das Abenteuer des Titelhelden Buzz Lightyear, dem Space Ranger, der nach einer Bruchlandung auf einem fremden Planeten bemüht ist, durch waghalsige Manöver den defekten und hoffentlich wieder reparierten Hyperantrieb zu testen. Diese Versuche gehen ein ums andere Mal schief und sorgen fortwährend für eine zeitliche Verzerrung. Während für Buzz jeder Versuch nur ein paar Minuten dauert, vergehen auf dem Planeten jedes Mal vier Jahre.

Dies führt zur zweiten Geschichte, die sich auf Alisha Hawthorne und im weiteren Verlauf auf ihre Enkelin Izzy konzentriert. Während sich Buzz nämlich im Weltall aufhält, vergeht für die beiden Frauen ein ganzes Leben.

Wie so oft in Disney-/Pixar-Filmen begegnen wir hier der Vergänglichkeit und auch dem Tod.

Doch im Gegensatz zu anderen Filmen wie etwa Oben (US 2009) oder Der König der Löwen (US 1994) spielt hier nicht nur Verlust eine Rolle sondern auch das Verpassen.

In Oben verliert Mr Fredricksen seine Frau, kann aber auf eine erfüllte Ehe mit ihr zurückblicken, und in Der König der Löwen verliert Simba seinen Vater zwar zu früh, war aber bis zu dessen Tod konsequent mit ihm zusammen.

Im Gegensatz dazu ist Buzz abwesend und nur ab und zu unbeteiligter Beobachter. Etwaige Ereignisse im Leben seiner Vertrauten Alisha kennt er nur aus Erzählungen und auch den Moment ihres Todes verpasst er.

Bis kurz vor Schluss wird Buzz‘ Mission, den Antrieb zu reparieren als Maxime hochgehalten. In diesem Sinne wäre das verpasste Leben ein Opfer, welches Buzz erbringen muss, um das Erlangen einen größeren Ziels zu ermöglichen.

Diese Maxime wird intensiviert, als Buzz auf den Schurken des Films stößt, der ihm zur Erfüllung der Mission die Option der Zeitreise in die Vergangenheit hinzufügt. Hierdurch könnte der Space Ranger seinen Auftrag erfolgreich zu Ende bringen und als Belohnung das gemeinsame Leben mit Alisha bekommen.
Doch dann bricht Lightyear mit dieser Botschaft.

Dadurch nämlich, dass der zu besiegende Schurke Buzz‘ verbittertes zukünftiges Selbst ist, gilt es, die Mission und die eigene Rolle zu reflektieren und auch zu hinterfragen.

Buzz gerät in Konflikt mit sich selber und entscheidet sich final dazu, die Reise in die Vergangenheit nicht anzutreten und nach all den Versuchen und Opfern die neue Situation schlicht als gegeben anzunehmen.

Und an dieser Stelle können wir uns wohl fragen, was ein derartiges Ideal der Mittelmäßigkeit in einem Abenteuerfilm zu suchen hat.

Natürlich ist ein Leben in einer Familie etwas Schönes und auch die neue Familie rund um Izzy, die an die Stelle der Familie rund um Alisha tritt, kann für Buzz ein erfülltes Leben bedeuten, doch verwendet der Film einen Großteil seiner Laufzeit auf die Versuche und das Reparieren des Hyperantriebs. Immer wieder versagt Buzz bei den Versuchen und sein zukünftiges Ich zeigt, dass noch viele weitere Versuche folgen würden, doch winkt mit der Option auf die Zeitreise eine Belohnung, die all die Mühen entschädigen würde.

Die Option auf die Zeitreise gleicht einer poetischen Gerechtigkeit, die den Erfolg auch in ausweglosen Situationen ermöglicht.

Doch, statt das Angebot anzunehmen, verzichtet Buzz darauf und nimmt allem, was in dem Film vorweg geschehen ist, die Existenzberechtigung.

Dieser Twist im Verlauf der Erzählung erinnert an einen Ausspruch Homer Simpsons, der sich in der Episode „Burns‘ Heir“ (S5E18) von The Simpsons (US seit 1989) an seine Kinder Bart und Lisa mit den Worten wendet:

„Kids, you tried your best and you failed miserably. The lesson is, never try.“

Nur, was im Fall von Homer als zynische Satire daherkommt, erhält in Lightyear das Niveau der Wahrhaftigkeit.

Schauen wir Lightyear also ohne viel Anstrengung, können wir ein spannendes und humorvolles Abenteuer verfolgen, dass technisch ausgefeilt ist und in einigen Easter Eggs Referenzen an Klassiker des Science-Fiction bietet. Denken wir jedoch nach, hinterlässt uns der Film mit einem faden Beigeschmack, der das Erlebnis Lightyear nachhaltig trübt.

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