Seit dem 31.07. ist die neue Staffel von BATMAN: CAPED CRUSADER auf Amazon Prime verfügbar und führt in zehn Folgen nicht nur inhaltlich fort, was in Staffel Eins etabliert wurde.
Noch immer ist Bruce Timm, der schon für die Animationsserie aus den 1990ern verantwortlich war, federführend mit an Bord und präsentiert interessante Herangehensweisen an die bekannten Figuren und Muster.
Der Gangsterboss Rupert Thorne, der am Ende der ersten Staffel verhaftet werden konnte, sitzt im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. Anstelle einer klassischen "was bisher geschah…"-Rückschau, präsentiert die Serie die sympathisch wirkende TV-Moderatorin Hattie Tetch, die in ihrer Fernsehsendung "Hattie's Tea Party" den Status Quo einmal zusammenfasst. Großartig inszeniert kann sich das Publikum hier nicht nur schon erste Gedanken über diese Neuinterpretation mit Gender Swap machen, sondern sich auch an das Intro der alten Animationsserie erinnern, dessen ikonische Bilder hier liebevoll referenziert werden.
Ein besonderer Zeuge soll aussagen, ein gewisser Julien Gregory. Er ist Buchhalter und hat ein Faible für Kalendertage, weshalb er einen speziellen Spitznamen trägt. Dann verschwindet Thorne plötzlich spurlos und es entsteht ein Machtvakuum. Aus der Menge tritt vor allem ein Krimineller namens Eddie hervor, der Thornes Stellung einnehmen möchte.
Daneben gibt es wiederkehrend Cameos von einer Figur, die niemand anderes als der Joker sein kann, der schon Ende Staffel Eins angekündigt worden war.
FRISCHER WIND UND FRISCHES BLUT
Timms zweite Staffel der Serie ist so überraschend und einfallsreich wie die erste.
Die gesamte Galerie an Schurken wird durchforstet und für die Auftritte in der Serie aufbereitet. Sei es, dass andere Ursprungsgeschichten erdacht werden, sei es, dass die Figur als solche eine Veränderung erfährt.
BATMAN: CAPED CRUSADER bringt frischen Wind in ein Universum, das sich zumeist darauf ausruht, Bestehendes entweder zu referenzieren oder gleich zu kopieren.
In Sachen Einfallsreichtum kann sich BATMAN: CAPED CRUSADER gegen den Vorgänger BATMAN: THE ANIMATED SERIES (US 1992-1995) durchaus behaupten. Es gibt Charaktertiefen und den nötigen Ernst, ohne dabei den Rahmen zu sprengen und zu düster zu werden.
In diesem Sinne erscheint es als ein wenig schade, wie brutal die neue Serie ist. Während das legendäre Format aus den 90ern zwar Waffengewalt präsentierte, aber kaum jemand starb, fliegen in BATMAN: CAPED CRUSADER regelrecht die Fetzen.
Kopfschüsse, Overkills und zerfledderte Körperteile bilden keine Seltenheit und auch das Jokergas lässt die Opfer nicht nur mit einem Lachanfall zurück.
Die Serie wird auf Amazon Prime mit einer Altersfreigabe ab 13 Jahren bedacht und dazu kann man stehen, wie man will, doch die Frage nach der Notwendigkeit dieser Art von Gewalt kann durchaus gestellt werden.
Ist es unabdingbar, dass die Rotorblätter eines Flugzeugs Gliedmaßen abtrennen?
Es ist freilich eine Befindlichkeit, die vor allem dann ins Gewicht fallen kann, wenn man auch die Serie von einst gesehen hat.
DIE PASSENDEN SCHURKEN FÜR DIE PASSENDE SERIE
Was die Figurenzeichnungen und die klimaktische Steigerung, die damit einhergeht, betreffen, so machen Timm und die Autor*innen hier alles richtig. Man kann erkennen, wie so manche Situation entsteht und erst durch die Beteiligung Batmans möglich oder sogar zwangsläufig wird.
In seinem Buch über Superhelden* schreibt Peter Coogan, dass die Superbösewichte erst erscheinen (können), wenn die gewöhnliche Kriminalität an ihre Grenzen stößt, und genau das wird in BATMAN: CAPED CRUSADER umgesetzt. Batman sorgt dafür, dass Rupert Thorne nicht länger agieren kann. Er schiebt der herkömmlichen organisierten Kriminalität einen Riegel vor und so müssen sich die Kriminellen sich etwas einfallen lassen, um weiter operieren zu können. Um also beispielsweise einen Zeugen aus einem Safe House zu bekommen, gibt es nicht länger Schusswaffen und Tränengas, sondern ein Serum, das einen in eine übermenschlich starke Kreatur verwandelt und es ermöglicht, Wände hochzuklettern.
Timm verrückt nach und nach die Grenzen der Normalität und ermöglicht die Etablierung außergewöhnlicher Schurken als logische Konsequenz.
Und während die konventionellen Verbrecher versuchen, ihre Welt so zu erhalten, wie sie sie kennen, zeigt die Serie immer wieder die Schemen der Figur, die schon jetzt als Joker existiert (keine Origin Story, kein Fass mit Chemikalien) und schon bald zuschlagen wird, und angesichts der bisherigen Anzahl an Verlusten wird dieser Joker aller Wahrscheinlichkeit nach weit über aufziehbare Klappergebisse und grinsende Fischkadaver hinausgehen.
Insofern präsentiert uns die Serie eine Reihe von Entgrenzungen. Die Superkriminellen treten nicht von jetzt auf gleich auf den Plan, sondern entwickeln sich nach und nach.
Es irritiert ein wenig, doch der Riddler kommt ohne Rätsel aus. Anstelle kniffliger Wortspielereien präsentiert sich der Schurke als gewaltlüsterner Killer, der nach der Devise vorgeht, erst zu schießen und dann zu fragen, was ihm schließlich auch zum Verhängnis wird. Durch seine Art erschafft er seinen eigenen Untergang (erneute Entgrenzung).
Währenddessen wabert der Joker konsequent durch das Dunkel und kommt immer dann zum Vorschein, wenn die nächste Grenze überschritten werden kann.
Auch seine Inszenierung bricht mit den Erwartungen. Er lacht nicht, er gestikuliert nicht wild und er hat einen leichten deutschen Akzent, wodurch er an den Schauspieler Conrad Veidt erinnert, dessen Darbietung im Film THE MAN WHO LAUGHS (US, 1928) als Inspiration für den Schurken gilt.
Jokes gibt es dennoch, wenn auch anders und mit einer unerwarteten Plötzlichkeit.
Der Joker bleibt stets erschreckend ruhig und reagiert irritiert, als Batman einmal selbst lacht. Er erscheint als echte Herausforderung, kein Mobster, der überall Lakaien hat und von dem man stets weiß, wo der sich aufhält, weil er ein Revier und ein Hauptquartier hat. Seine Agenda ist undurchsichtig und seine Methoden unvorhersehbar. Er geht bis zum Äußersten. Der Tod anderer ist da nur der Beginn.
UND DIE GUTEN?
Es ist allgemein bekannt, dass die Schurken im Batman-Kosmos selten eindimensionale Fieslinge sind. Oft sind sie selbst Überlebende einer Tragödie und unterscheiden sich von Batman eigentlich nur in dem einen Umstand, dass Batman die Stadt und die gesellschaftliche Ordnung noch nicht aufgegeben hat. Insofern ist gerade bei BATMAN: CAPED CRUSADER das Böse gerne grau schattiert statt tiefschwarz.
Wo liegt also die Grenze? Wo hört das Gute auf und wo beginnt die Bedrohung?
Timm und die Autor*innen legen eindeutig mehr Wert auf die Widersacher als auf die Verbündeten und so erhalten gerade Montoya und Barbara Gordon weniger Strahlkraft als noch in der ersten Staffel, was durchaus schade ist. Dieser Anachronismus zwischen der Stärke der beiden Frauen und der Verortung der Serie irgendwo in den 1940er/1950er Jahren birgt soviel Potential und es bleibt zu hoffen, dass die beiden in einer (hoffentlich) dritten Staffel das Ruder endlich an sich reißen können.
Die Wege dafür sind geebnet, gerade im Hinblick auf die queere Polizistin, die sogar mit Harley Quinn in einer Beziehung lebt und immer weiter ins Zentrum rückt, um dem schmierigen Kollegen Flass nach und nach den Rang verdient abzulaufen.
FAZIT
BATMAN: CAPED CRUSADER hält mit der zweiten Staffel, was die erste versprochen hat. Die Episoden sind kurzweilig, abwechslungsreich und es gibt überall etwas zu entdecken. Jene, die sich schon länger mit Batman auseinandersetzen, werden so manch bekannten Namen hören, doch werden auch sie überrascht werden, wenn sie sehen, wie die dazugehörende Figur umgesetzt wird.
Timm, der ja schon in den 90ern Maßstäbe für vieles gesetzt hat, was danach kommen sollte, hat seinen Riecher nicht verloren und präsentiert eine gute neue Serie, die sowohl für das Stammpublikum als auch Neueinsteiger*innen mehr als geeignet ist.
Die Serie ist stimmig, hat Charme und Charakter und allein, dass sie wieder in einem Noir-Setting mit Anklängen an Art-Deco angelegt ist, erzeugt die Atmosphäre, die eine gute Batman-Serie braucht.
*Coogan, Peter, SUPERHERO: THE SECRET ORIGIN OF A GENRE, 2006 Austin Monkeybrain




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